페이지 이미지
PDF
ePub

Nach diesen fol zum Nach-Spiel arangiert werden I die vortreffliche und lustige Action ang dem
Frantzösischen ins Teutsche überlebet genandt:

Der bon
seiner Frau wohl verierte Ehemann

GEORGE DANDIN.
Und weil es heute ohnfehlbar zum lezten mahl ist | sol auff den hintersten Platz nicht mehr als

8 Grot genommen werden | welches zur Nachricht.
Der Schauplaş ist in Sehl. Capitain Niffen Hause auff der Langen Strasse vor der Natel.

Wird præcise umb 3 Uhr angefangen.

Einer sage es dem andern. Gegen Ende des 16. Jahrhunderts erscheint Marlow's ,,Faust" in England, von welchem Joh. Scherr sagt, daß er ins Gemeine und Skurrile fällt. Ein ganz anderes Urteil fällt hingegen der berühmte französische Litterarhistoriker Taine in den Worten: „Das ist nicht der philojophische Typus, welchen Goethe geschaffen hat, sondern der lebende, kämpfende, natürliche, persönliche Mensch, der Sklave seiner Leidenschaften, ganz in der Gegenwart aufgehend, voller Widersprüche und Thorheiten 2c.". Zu den schönsten Stellen Marlow's gehört diejenige, wo Faust's Verzweiflung, beim Herannahen seiner letzten Stunde, in einem ergreifenden, tief erschütternden, obgleich etwas deklamatorischen Monolog zum Ausdruck gelangt. Hier einige Verse:

Stand still, you ever-moving spheres of heaven,
That time may cease,

and midnight never come...
The stars move still, time runs, the cloak will strike,
The devil will come, and Faustus must be damn'd.

It strikes, it strikes...
Oh soul, be chang'd into little water-drops,

And fall into the ocean, ne'er be found!
Steht stille! ihr ewig rollenden, himmlischen Sphären,
Damit die Zeit aufhört und Mitternacht nimmer kommt!...
Die Sterne bewegen sich weiter! die Zeit cilt! die Uhr wird schlagen!
Der Teufel wird kommen und Faust muß verdammt werden!

Es schlägt! es schlägt!
O Seele! löse dich in Wassertropfen auf

Und versinke unauffindbar in den Ocean! Um ähnliche Töne wiederzufinden, müssen wir zum Dichter des , Manfred" greifen, jenem Byron, welchen Goethe das größte Talent des Jahrhunderts nennt, und von dem er weiter sagt: ,,Wäre er vom Hypochondrischen und Negativen frei, so wäre er so groß wie Shakespeare und die Alten". Wie schön aber hingegen, wie lieblich und doch wie ergreifend ist Faust's Abscheiden bei Goethe, und wie beruhigend und erlösend - vermutlich nach dem Vorbilde von Dante's Beatrice dessen Wiedervereinigung mit Gretchen im Himmel, wo ihn, um mit dem Dichter selbst zu sprechen, „das Ewig-Weibliche" - das heißt die beglückende und sich hingebende Liebe, der Kern des weiblichen Wesens in seiner himmlischen Reinheit hinanzieht zu höheren Sphären".

Goethe's Hauptschöpfungen im Faust sind somit Gretchen, vielleicht die schönste Perle im Kranze seiner dichterischen Frauencharaktere, ihr Bruder Valentin und Frau Marthe. Diese drei zählen aber auch, besonders

in Bezug auf Natürlichkeit und somit auf echt dramatische Rraft, zu seinen besten Schöpfungen. Ohne mich hier noch weiter auf dieselben einzulassen, gehe ich nun zu meinem eigentümlichen Thema über.

:

Anlage der Sandlung. Hamlet stellt uns eine dramatisierte Handlung, nämlich die Bestrafung eines Verbrechens, vor. Der Hauptcharakter selbst, Hamlet, erscheint darin in seiner vollständig abgeschlossenen Entwickelung. Faust hingegen stellt uns eine Charakterentwickelung vor, wobei natürlich eine Handlung beständig mit einhergeht; so z. B. im ersten Teile, jene leidenschaftliche Liebe zu Gretchen mit ihren tragischen Folgen. Da ich Bekannt: schaft mit den beiden Dichtungen vorausseße, so werde ich auf den Gang der Handlung nur insofern eingehen, als dies zur Begründung einer dramatischen, natürlichen, folgerichtigen Anlage derselben nötig erscheint.

Gleich in der ersten Scene Hamlet's, wo Shakespeare übrigens die ihm eigene Natürlichkeit in der Anlage der Handlung und ganz besonders in den Dialogen entwidelt, stoßen wir auf eine den Kritikern will: kommene Blöße, nämlich die Erscheinung des Geistes. „Erscheinungen der Toden, sagt Lessing in seiner „Hamb. Dramaturgie“, können nicht anders als findisch betrachtet werden." Das mag für einen Lessing und seines gleichen vollständig richtig sein; leider besteht aber das große Publikum aus ganz anderen Elementen. Wie sehr heute noch der Glaube an Geistererscheinungen und ähnliches im Volke, ja sogar in manchen sogenannten höheren Kreisen -- ich erinnere nur an den Spiritismus vorhanden ist, brauche ich hier nicht zu erörtern. Wie mag das erst zu Shakespeare's Zeiten, d. h. vor 200 Jahren, gestanden haben! Ich möchte hier auch an V. Hugo's Worte erinnern: „Rien n'est plus beau que le fantastique mêlé au drame humain“, wodurch er das Erscheinen des Commandeur’s in Molière's „Festin de Pierre" nicht nur entschuldigt, sondern sogar gutheißt. Der Dichter war also zur Anwendung dieses mit den Anschauungen seiner Zeit in vollständigem Einklang stehenden Bühneneffekts vollauf berechtigt. Die Häufigkeit solcher Erscheinungen (Cäfar, Macbeth, Richard III.) läßt sogar mit Sicherheit auf deren mächtige, dramatische Wirkung schließen. Wie ganz anders steht es da – ganz abgesehen von der Geisterbeschwörung, dem Pudel und dessen Metamorphosen, dem Mummenschanz in Auerbach's Seller u. . w. – mit Mephistopheles als dramatische Figur! Diese wäre, als solche, in der That kindisch, ja geradezu lächerlich, hätte Goethe eine eigentliche Tragödie schreiben wollen. Das wollte er aber keineswegs; denn das hatten Hunderte vor ihm gethan. Goethe wollte eben seine eigene Wege gehen und, nach dem Beispiele Dante's, eine Art episch-dramatisches Lehrgedicht schreiben, das einzig in der Weltlitteratur dastände, in welchem er die Schäße seines Gedankenreichtums niederlegen, seine Ansichten über Menschen und Dinge, vielfach andeutungsweise und sinnbildlich verkörpert, der Nachwelt überliefern konnte, und in einem solchen Gedicht ist natürlich Mephistopheles, als symbolische Figur, ganz an seinem Plate. Es genügt übrigens schon, sich die Bühnenweisungen in Bezug auf Inscenierung, die Nacktheiten (Walpurgisnacht), die verschiedenen Tiere und anderen Figuren, welche eine Rolle spielen, zu vergegenwärtigen, um zu diesem Schlusse gedrängt zu werden.

Gleich im ersten Akt, der uns fast jämtliche Personen vorführt, teilt uns Hamlet, im Monolog der 2. Scene, den Hauptgrund seiner Schwermut mit, in den auf seine Mutter bezogenen Worten: „Frailty, thy name is woman (Unbeständigkeit, dein Name ist Weib)“; es wird ihm dann vom Geiste seines Vaters die große und schwere Aufgabe, dessen Tod an dem Mörder, seinem eigenen Dheim, Stiefvater und König zu rächen. Im 2. Akt tritt Hamlet seine Rolle als Wahnsinniger, und das durch ein etwas übertriebenes, sogar

[ocr errors]

etwas rohes Auftreten der Ophelia gegenüber an. Dieser angebliche Wahnsinn Hamlet's ist auch vielfach getadelt worden, da ja für seine Person nicht die geringste Gefahr vorhanden war. Jedenfalls hätte Shakespeare besser daran gethan, dessen Notwendigkeit eingehender zu begründen; immerhin aber kann man geltend machen, daß Hamlet, als Wahnsinniger, sich dem Könige gegenüber, und auch sonst in seinem Auftreten und in seinen Reden vieles erlauben konnte, was unter gewöhnlichen Umständen nicht hätte geduldet werden können. Vielleicht fühlte sich Shakespeare auch durch die Schwierigkeit der Aufgabe selbst angezogen, in die anscheinend verworrenen Reden eines Wahnsinnigen eine tiefe Bedeutung einzukleiden; vielleicht folgte er darin ganz einfach der Sage. Dramatisch hat er die Rolle jedenfalls gestaltet, und das ist ja die Hauptsache. Hier führt der Dichter auch die Schauspieler ein, um Gelegenheit zu haben, die damaligen Theaterverhältnisse in London einer abfälligen Kritik zu unterziehen. Im 3. Aft finden wir dieselben nochmals im Gespräch mit Hamlet, welchem Shakespeare seine Ansichten über die Schauspielerkunst in den Mund legt. Der große Dichter spricht hier als Sachverständiger, denn er war ja, wie bekannt, selbst Schauspieler. Ähnlich schob Goethe sein Vorspiel auf dem Theater und seine Walpurgisnacht ein, wie wir das später sehen werden. Hier stellt Hamlet dem Könige auch die bekannte Falle, um sich endgültig zu überzeugen, daß der Geist die Wahrheit gesprochen hat, und weiht seinen Freund Horatio in das Geheimnis ein, um gegebenen Falles einen Zeugen zu haben. Man hat Hamlet vielfach seine Ausgelassenheit nach Verlauf jener Probe vorgeworfen. Mir scheint sie gar nicht so unnatürlich; denn Hamlet war von Natur fein Kopfhänger und kein sentimentaler Träumer. Der Erfolg seines Versuches, der Gedanke, daß er nun mit gutem Gewissen zustoßen, seinen Vater rächen und sich in den Besiß der Krone feßen konnte, mußte erheiternd auf ihn wirken. Jenes Benehmen läßt sich aber auch als aus einer Stimmung hervorgehend erklären, welche bei manchen Menschen am Vorabend einer großen, für das Leben und sogar über das Leben entscheidenden Wendung, erzeugt wird. Ich verweise nur auf die Stimmung mancher alten Soldaten am Vorabend einer Schlacht.

Es wird dem Hamlet auch Unentschlossenheit vorgeworfen, weil er den König nicht im Gebet erstach. Einen vollauf befriedigenden Grund dazu giebt uns der Held selbst; denn nichts in seinen Reden beweist, daß er allen Glauben an ein Jenseits, und folglich an ein Fegfeuer aufgegeben hatte. Es ist dann auch noch zu bemerken, daß, im Falle der damaligen Tötung des Königs, das ethische Moment nicht vollständig zur Geltung fam; denn auch die Königin war nicht ohne Schuld, wie sie dies ja dem Hamlet selbst eingesteht, und wie es der Geist (I, 5 V. 45 und 46) ziemlich klar ausspricht. Durch die Milde, die der Lektere jedoch walten läßt, scheint er die Königin von der Mitwissenschaft am Morde freizusprechen. Es wollte dann Shakespeare vermutlich auch zeigen, wie alle Anschläge des verbrecherischen Königs vereitelt wurden, und er zuleşt, samt feinem Mithelfer, Laertes, selbst in die Grube stürzt, welche er gegraben hatte. Endlich lag es dem Dichter ohne Zweifel auch daran, jene tief tragische und auf das höchste erschütternde Lösung herbeizuführen, welche nicht nur die Königin, sondern den Hamlet selbst ins Verderben mitreißen sollte, weil auch er bereits eine Blutschuld auf dem Gewissen hatte. Im 4. Aft giebt endlich der Tod des durch Hamlet erstochenen Polonius dem König einen genügenden Vorwand, gegen den Prinzen selbst vorzugehen. Sein niederträchtiger Anschlag, ihn durch den König von England aus dem Wege räumen zu lassen, mißlingt, und nun schniedet er mit Laertes, der um jeden Preis feinen Vater rächen will ohne Zweifel, wie auch Fortinbras und seine Dänen, ein Gegenstück zu Hamlet -, einen frischen Mordplan, welcher im V. Akte zur Katastrophe führt.

Die Anlage stellt sich somit als echt dramatisch heraus. Auch die durch die Gesandschaft nach Norwegen und das Erscheinen des Fortinbras bedingte Nebenhandlung thut derselben keinen wesentlichen Abbruch. Man hat behauptet, daß es Hamlet leicht gewesen wäre, ein Volk, das so bereitwillig einem Laertes folgte, gegen den König selbst, als Mörder, aufzuwiegeln: dafür liegt aber keine Gewähr vor; denn Hamlet hatte ja keinen

andern Beweis gegen den König, als die Aussage des Geistes. Viel eher hätte er dies gekonnt, mit dem vom König gegen ihn erlassenen Todesbefehl in der Hand; er mochte aber denken, daß dies nicht ganz so leicht vor fich gehen würde und es einfacher wäre, den König eigenhändig zu töten und das Volt vor eine vollbrachte Thatsache zu stellen, die er nur nachträglich zu rechtfertigen brauchte. Wohl wäre es besser gewesen, wenn Shakespeare seinem Helden solche oder ähnliche Betrachtungen in den Mund gelegt hätte.

Es folgt daraus, daß, wenn die Anlage im ganzen auch natürlich und folgerichtig ist, verschiedenes vielleicht doch besser hätte begründet werden können. Jedenfalls darf man in Bezug auf andere Kritiken nicht vergessen, daß auf dieser Welt auch Unschuldige oft durch eine böse That in Mitleidenschaft gezogen werden.

Es sei mir hier noch, zum Schluß, eine kleine tertkritische Bemerkung erlaubt. Im V. Aft, S. 1, V 315 sagt Hamlet: „The cat will mew, and dog will have his day“. Von diesem ,,day" giebt Elze (Shakesp. Jahrb. XI. 297) eine befriedigende Erklärung. Könnte aber nicht ein Drudfehler vorliegen? Denn feßt man bay Bellen (cf. franz. aboi = Bellen)

Bellen) statt day, so würde dem Miauen der Kaße das Bellen des Hundes gegenüber stehen. Allerdings wüßte ich kein anderes Beispiel, wo das Verb to bay substantivisch gebraucht wäre; jedenfalls sind aber ziemlich Beispiele vorhanden, wo Shakespeare sich gelegentlich ein Wort zurechtlegt, das sonst nirgends mehr bei ihm vorkommt. Gehen wir nun zum Faust über.

Der Grundgedanke des Gedichtes, den wir auch im Buche Hiob vorfinden, ist im „Prolog im Himmel" klargelegt: das Verhältnis des Bösen zur sittlichen Weltordnung, des Unglücks und Leidens zur göttlichen Güte. Gott übergiebt dem Mephistopheles – das heißt den bösen Leidenschaften im Menschen - den Faust

, um zu erproben, ob er über das sittlich religiöse und moralische Gefühl in ihm den Sieg davon tragen würde. Die Wette muß natürlich Gott gewinnen. Durch Prüfungen wird der Held zum Heil geführt, die Vorsehung gerechtfertigt und das bekannte Leibniz'iche Wort über die Weltordnung bestätigt; denn sowie Shakespeare pessimistisch angehaucht ist und in der Welt vielmehr das Walten des blinden Schicksals, als das irgend einer Vorsehung sieht, so neigt Goethe zum Optimismus; und im Hamlet und im Faust haben sich die beiden Dichter am besten personifiziert und halten sich ihr eigenes Spiegelbild vor. Wie Shakespeare im Hamlet ein Zwischenspiel einführt, um seine Ansichten über Schauspielerkunst und Theaterwesen darin auszusprechen, so bringt Goethe in seinem „Vorspiel auf dem Theater" seine Ansichten über die dramatische Dichtkunst zum Ausdruck, nicht ohne einige Seitenhiebe auf den Geschmack des Publikums seiner Zeit, auf Theaterkniffe, sogenannte Zugstücke u. s. w. Die Tragödie selbst – da Goethe sie so nennt - ist nicht nach einem einheitlichen Plan oder aus einem Wurf, sondern ganz fragmentarisch entstanden; daher auch jener Mangel an festem, innerem Zusammenhang, jener Unterschied in den Anschauungen und der Sprache. Man vergleiche z. B. nur Faust's ersten Monolog – nebst der Geisterbeschwörung wohl das Früheste, was Goethe vom Faust gedichtet hat – mit dem zweiten Monolog, nach Wagner's Abgang: welch ein Unterschied in der Sprache! Dort schwülstig, überschwenglich, deklamatorisch; hier ruhig, gemessen, fast majestätisch. Welch Unterschied auch in der Weltanschauung! In den kurzen Versen des ersteren spricht der ungestüm vordringende Jüngling, der die Welt, als ein Jammerthal, mit den Füßen treten und sich zum ewigen und klaren Schauen jenseits des Grabes aufschwingen möchte; in den ruhigen, gemessenen Versen des Zweiten spricht der welterfahrene Mann, der mit Wehmut auf verlorene Jugendideale, auf jugendliche Irrtümer und Fehler zurückblict. Ein Schädel, den er zur Hand nimmt, erinnert an die Kirchhofscene im Hamlet. Wie schön und rührend schwindet aber jene bis zu Selbstmordgedanken gesteigerte Schwermut vor den süßen Jugenderinnerungen! Wir glauben sie zu sehen, jene Thräne, die aus einem gepreßten Herzen quillt und ihn der Erde wieder zurückgiebt.

Nach dem im Prolog geschlossenen Vertrag mit Mephistopheles macht sich lekterer in Auerbach's Keller auch bereits an seine Doppelaufgabe, nämlich, einerseits dem Faust alle möglichen Genüsse zu verschaffen, anderseits ihn durch die Genußsucht zu entwürdigen und von seinem Urquell abzuziehen. Faust, seiner innersten Natur getreu, wird aber von der Gemeinheit der Studenten angewidert. Goethe benußt hier einige der Zauberschwänke, wie sie sich in der Faustage und auch bei Marlow finden, läßt sie aber mit Recht durch den Mephistopheles ausführen, um seinen Helden nicht zu solch hanswurstijchem Hokuspokus herabzuwürdigen.

In der Herenküche geißelt der Dichter zuerst die Gemeinheit des gewöhnlichen geselligen Treibens; dann erfolgt, durch jenes in einem Spiegel erscheinende Zauberbild eines Weibes, ein zweiter Ansturm auf Faust's Sinnlichkeit. Mit der Begegnung mit Gretchen tritt der grübelnde Gelehrte in den Hintergrund, der Mensch und die eigentliche dramatische Handlung in den Vordergrund, und es läuft nun die Geistesgeschichte des Mannes parallel mit der Herzensgeschichte des Weibes. Die Putsucht des Leşteren muß auch hier wieder ihre im Leben oft so verhängnisvolle Rolle spielen und hat, unter Mithilfe der geschäftigen und buhlerischen Frau Marthe, ihren reichlichen Anteil am Unglücke Gretchen's; wie sie auch heute noch, für so viele ihres Geschlechtes, eine nur zu oft folgenschwere Versuchung wird. Immer mächtiger schlagen dann die Flammen der Sinnlichkeit im Faust empor, und schon konnte Mephistopheles glauben, nunmehr gewonnenes Spiel mit ihm zu haben, da regt sich nochmals in ihm jene ganz edle Seite seiner Natur, und, fern von Gretchen, im Walde sucht er eine Zuflucht gegen seine eigene Leidenschaft. Der Versucher tritt jedoch wieder an ihn heran, verspottet feine Bedenken und erreicht endlich seinen Zwect; denn, mit den Worten: ,,Was muß gescheh'n, mag's gleich gescheh'n", besiegelt Faust Gretchen's Schickjal. Auf seine Beteuerungen ewiger Liebe und Treue bauend, giebt sich das unerfahrene und vielleicht zu unschuldige Weib ganz dem geliebten Manne hin, wie uns die so packend aus dem Leben gegriffene Scene am Brunnen verrät. Nun bricht das Verhängnis mit Bligesschnelle herein, und jener unüberlegte Fehltritt Gretchen's wird das erste Glied zu einer Kette, welche erbarmungslos Mutter, Bruder und Kind mit in's Verderben reißt. Zuvor jedoch erwacht Faust nochmals zum vollständigen Bewußtsein seiner Schuld, überschüttet in erschütternden Ausdrücken der Verzweiflung hier gebraucht Goethe jedenfalls absichtlich die ungebundene Sprache – den höllischen Verführer mit Schmähungen und Drohungen und rafft sich endlich zu dem einigermaßen mannhaften Entschlusse auf, etwas zu wagen, um die Geliebte dem Henkertode zu entreißen. Dies bringt uns nach jenem nächtlichen Ritte am Hinrichtungsplaß vorbei, welchen Goethe, wie eine Gespenstererscheinung, in einigen Versen an uns vorüberhuschen läßt, zur leßten und großartigsten Scene des Gedichtes, jener Kerkerscene, deren erschütternde Wirkung kaum ihresgleichen in der Weltlitteratur finden dürfte und jedenfalls das Großartigste ist, was Goethe im Tragischen erreicht hat. Die schwere Aufgabe, Wahnsinn und scharfe Denkkraft zu verschmelzen – die sich ja auch Shakespeare mit seinem Hamlet auferlegt hatte Reinheit des Herzens und Seelenadel wie Blitze in dunkler Nacht bei der unfreiwilligen Mörderin aufleuchten zu lassen, hat der Dichter ganz glänzend gelöst

. Ein berühmter Berliner Gelehrter hat behauptet, daß die Lösung eine viel natürlichere gewesen wäre, wenn Faust, als Universitätsprofessor, Gretchen zu seiner Frau gemacht hätte. Einfacher, bürgerlicher und jedenfalls viel moralischer wäre sie allerdings gewesen; ob natürlicher muß dahingestellt bleiben, denn wir brauchen uns nur das menschliche Leben und Treiben, besonders in großen Städten, wo das Geld seine unheilvolle Rolle ungehindert spielt, anzusehen, um uns vom Gegenteil zu überzeugen. Wäre diese Lösung aber auch dramatisch gewesen? und das ist doch die Hauptfrage. Uebrigens sind wir in Faust’s Geistesgeschichte, wie sie Goethe vorschwebte, hier nur zu einem ersten Abschluß gelangt, der wohl moralisch erschütternd auf ihn einwirkt, ihn aber noch nicht zur vollständigen Selbsterkenntniß, zur läuternden und föhnenden Arbeit als Endzweck, ja als höchsten Genuß des Lebens führt; denn nicht als Fluch sind jene im Paradies gesprochenen Worte: „Im Schweiße deines Angesichtes sollst du dein Brod essen" aufzufassen, sondern als ein Segen. Es sei hier gleich bemerkt, daß Hamlet ganz ähnlich auch Ophelia hätte heiraten können, ohne seine übrigen Pläne

« 이전계속 »