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schichtschreiber, der nicht gegen den Sprachgebrauch alle Fächer durch einander werfen will, bleibt hier nichts übrige als dem philologischen Gegensatze zwi« schen Werken in gebundener und in ungebundener Rede zu folgen, und von der iitteratur des Romans zur Geschichte der eigentlichen Beredsamkeit «ine Brücke zu schlagen.

i. Die Geschichte des französischen Romans vom sechzehnten bis in das siebzehnte Jahrhundert steht mit der Geschichte der Art von Poesie, die man in Frankreich so nannte, in einem sonderbaren Verhältnis Der Roman schien aus einer trüben Quelle in einer abgelegenen Gegend des Parnasses zu stießen. Die Dichter, die vorzugsweise so hell ßen wollten, mochten lange Zeit mit den Verfasser» der Romane nichts gemein haben. Sie dunklen sich zu vornehm. Und doch wurden die Romane, aus denen ein modernisirter Geist der mittleren Jahr, hunderte sprach, bis in das Zeitalter tudwig's XIV. von demselben Publicum, das sich eine kritische Um« bildung des Geschmacks nach Anleitung der allen klassischen iitteratur gefallen ließ, mit iust und liebe gelesen. In die Romane zog sich fast alles zurück, was noch von romantischer Schwärmerei in Frank« reich übrig war. Die Verfasser der Romane dichteten etwas kühner in das Große, weil sie nicht bei jedem Schritte ängstlich nachfragten, ob nicht irgend eine Regel aus der alten griechischen und römischen iitteratur die poetische licenz beschränke. In den Romanen sucht« das Publicum ästhetische Befriedigung der Bedürfnisse, die im Innern der Seele entspringen, wo nicht die Heimath des kalten Geschmacks ist, der nur Verhältnisse wägt.

Und

Und eben jene Anhänglichkeit des Publicum« an die Romane mußte in dem Grade steigen, wie die Dich« ler immer verständiger seyn, allen Schein der Schwärmerei vermeiden, und den Geschmack vorzüglich durch feine Wendungen, Prücision und Cor« reclheit des Ausdrucks, Eleganz der Sprache, und überhaupt durch Dasjenige befriedigen wollten, was die poetische Schönheit nur vollendet, aber nicht Poesie ist. So entstand in Frankreich durch eine Art von Reaction eine romantische Sentimen, talität von etwas prellöser, übrigens aber kei, neeweges unpoetischer Natur genau um die Zeit, als das Jahrhundert ludwig's XIV. vor der Thür war, um ähnlichen Aeusserungen des poetischen Gefühls für immer ein Ende zu machen, so weit der Ge« schmack dieses gepriesenen Jahrhunderts das letzte Wort behalten konnte.

Während der ganzen ersten Hälfte des sech, zehnten Jahrhunderts herrschte noch der alte Ritterroman in Frankreich über alle andere lec, lüre der eleganten Welt. Dem Beispiele des Kö, nlgs Franz, mit dessen persönlicher Denkart diese Romane mehr, als alle regelmäßigen Gedichte, har< monirten, folgte der Hof, und dem Hofe die ganze französische Ritterschaft. Aber es bedarf eines be, sondern Studiums, die französischen Ritterromane, die noch im sechzehnten Jahrhundert geschrieben wur, den, von den älteren zu unterscheiden, die damals nur neu bearbeitet, oder von neuen in Umlauf gei setzt wurden. Denn die Verfasser der neueren Rlt, lerromane dichteten in der Manier und Sprache der älteren fort. Sie nahmen keine Notiz von der großen Veränderung, die sich in allen übrigen Thellen

der der französischen iitteratur seit der Einführung des Studiums der griechischen und römischen Autoren ereignete. Diese Trennung der Romanenlitteratur von der eleganteren Poesie, die sich immer näher den Formen des klassischen Alterthums anzupassen suchte, bereitete den alten Romanen einen unvermeldl lichen Untergang. In der zweiten Hälfte des sechzehnten Jahrhunderts schämte man sich schon die, ser altmodischen tectüre, auch wenn man ihr im Herzen noch ergeben war. Und als Ronsard durch seine prunkenden Phrasen, und Malherbe durch seine schöne Rednersprache die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich zogen, wurden die Ritlerromane immer weiter zur Seite geschoben, bis endlich nie« wand, wer Geschmack haben wollte, auf sie achtete.

Dauernder war das Glück der Novellen, die in der ersten Hälfte des sechzehnten Jahrhunderts an die Stelle der alten Fabliaux in Frankreich traten. Die versisicirten Erzählungen im Anekdotenstyl starben zwar nicht aus. Von Pas? so rat, dem Vorgänger des Jean lafontaine in der Kunst, die naive Manier der alten Fabliaux mit moderner Eleganz zu verbinden, ist oben die Rede gewesen. Aber schon in den ersten Decen« nie« des sechzehnten Jahrhunderts las man in fran« zösischer Sprache ernsthafte und komische Erzählun, gen, die nach italienischer Art vorgetragen und nicht mehr versisiclrt waren. Alle wurden bald darauf verdunkelt durch das Heptameron der be» rühmten Königin Margarethe von Navar, ra '). Diese geistreiche Fran ahmte den Boccaz nicht ohne Geschicklichkeit nach. Aber man thur

r) Vergl. oben, Seite 19«.

ihr eben so großes Unrecht, wenn man sie deßwegen eines ganz unweiblichen Mangels au Delicatesse be» schuldigt, als man ihr zu viel Ehre erweiset, wenn man sie als Novellenerzählerin mit dem Boccaz in eine iixie stellt. Wie sehr es dieser Dame an aller Feinheit der ästhetischen Darstellungokunst fehlte, beweisen ihre Novellen nicht weniger, als ihre ver, sificirten Werke. Eine gewisse Weichheit und ge, fällige Natürlichkeit des Styls ist fast das einzige ästhetische Verdienst ihrer Novellen. Den schönen Strom der Sprache, die anziehende Harmonie und Eleganz der Perioden, und die classische ileblich« keit der Manier des Boccaz vermißt man bei der Königin von Navarra überall. Aber auch den Muthwillen des italienischen Meisters hat sie weder nachgeahmt, noch nachahmen wollen. Die Unsitt« lichkeit mehrerer ihrer Erzählungen fällt ganz auf den Geschmack und den Ton zurück, der damals bei Hofe und unter den Großen in Frankreich üblich war '). Die Königin von Navarra erzählt mit altfranzösischer Treuherzigkeit Anständiges und Un« anständiges, wie es sich traf. Sie erröthete nicht vor Gemählden, an denen zu ihrer Zeit niemand in der großen Welt zu Paris ein Aergerniß nahm. Ihre unanständige Natürlichkeit fallt uns auf °);

aber

») Man werfe nur einen Blick in die Memoire« des Brantome, und vergleiche damit die Welke der franzi» fischen Dichter aus dem Zeitalter Franz I, und Hein» rich II.

t) Die folgende Stelle mag zur Probe der Natürlichkeit der Königin von Navarra dienen.

I.» p2uvre 6!Ie qui en cut piti?, I« rencontolta, le pliznt ne se vouloir äelelperer, et <zue ii eile per«luit li» maiitlclle, «II« ue pcräit lon bon u,2»N»«.

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