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Reiz des ganzen Werks mehr erhöhet, als stört ^). ^ Daß der Verfasser die Personen bei mehreren Ge« legenheiten im Styl der alten Romane redend «inführt, entzieht diesem Werte wenigstens nicht mehr vom streng-historischen Charakter, als die Reden in den Geschichtsbüchern der alten Clast fiter der Natur und Würde der wahren Geschichte widerstreiten.

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Der rhetorische Werlh der französischen Me» moires, deren seit dem sechzehnten Jahrhundert immer mehrere geschrieben wurden, kann hier nur im Allgemeinen gewürdigt werden. Da die Ver« sasser gewöhnlich selbst in der großen Welt gelebt hatten, so redeten sie auch in ihren Memoire« die Sprache der großen Welt. Aber bis gegen das Ende des sechzehnten Jahrhunderts hatte diese Svrache, so cultivirt sie auch übrigens schon war, noct> viele Züge von eben der altritterlichen Naivetät, die das teben des Bayard so anziehend macht. Eine besondere Mischung dieser Naivelät mit einer tynischen Freimüthigfeit, die in der historischen Ute teratur ihres gleichen nicht hat, zeichnet die verrufenen MemoireS des Pierre de Bourdeille, AbtS und Herrn von Brantome aus '). Sie sind auch in rhetorischer Hinsicht zu merkwürdig, um hier nicht genauer angezeigt zu werden. Bran« tome hatte seine besten Jahre am Hofe zu Paris verlebt, der unter der Regierung Carls IX. und Heinrichs lll. der schaam» und sittenloseste in Eu« ropa war. Die ausschweifendste lüsternheit kleidete sich dort zwar noch immer in die Formen der alt» ritterlichen Galanterie; aber die frechen Sitten, denen diese Form nur eine Art von äusserem Anstände des Betragens gab, gingen ungestört in die Sprache über. Herren und Damen erlaubten sich ohne Erröthen die obscönsten Ausdrücke, die unsauber« Dinge mochten im Ernst, oder im Scherz genannt werden. Brantome schrieb also nur, wie man bei Hofe sprach. Aber er schrieb seine MemoireS,

I) Die sämmtlichen Memoires des Brantome mit allen Zubehören finden sich neu gedruckt in der collecU«« uui» verteile Hc. lom. 6z. 64, und 65.

Moires, als er schon ein alter Mann war. Da schwelqte der alte Wollüstling am liebsten in den unsittlichsten Erinnerungen. Sein Gefühl war gegen das Obscöne völlig abgestumpft, und sein kaustischer Witz verstärkte noch die schmutzige Natürlich» keit seiner Darstellungen nach dem ieben. So ist «S gekommen, daß in der Reihe der historischen Schriftsteller dieser Ungezogene steht, dessen Werke auch füglich neben die des Aretiner'S gestellt werden können. Aber der Aretiner verwebt« seinen Cynismus als witziger Kopf mit geflissentlicher Unfittlichkeit in seine Satyren und Possen; Brantome spricht, bald räsonnirend, bald Anekboten erzäh, tend, von den schmutzigsten Dingen mit einer solchen Unbefangenheit und Anspruchlosigkeit> wie Jemand, der sich nur ganz natürlich ausdrückt, und gar nicht daran denkt, daß dagegen etwas zu erin« «ern seyn könne. Seine psychologischen Porträt« der Damen, die er am Hofe und auf seinen Reisen kennen gelernt hatte (I^e« vsme« illustre« und l^e« Dame« ß2l»n««) sind mit derselben Naivetät ge» zeichnet, wie der ungenannte Verfasser der Biogra» phie des Bayard im redlichsten Ernste diesen guten Ritter porträtirt. Da ist auch Brantome, wenn er nicht gerade auf eine ärgerlich« Anekdote stößt, die ihn zum Mulhwillen reizt, so anständig, wie andere Verfasser der Memoires seiner Zeit. Nur in den Betrachtungen, die er als einen Anhang zu seiner Charakteristik galanter Damen hinterlassen hat, übertrifft er an schaamlosen Beschrei, bungen und Reflexionen fast den Aretiner selbst; und da sind ihm zugleich die burleskesten Ausdrücke die liebsten. Aus allen diesen Gründen verdient indessen Brantome als geistreicher Schriftsteller eine

beson

besondere Erwähnung in der Geschichte der sranzö« fischen Beredsamkeit.

Gegen das Ende des sechzehnten Jahrhunderts verlor sich der Ueberrest der allfranzösischen Naive, tät auch aus der historischen litteralur. In den Memoires des vortrefflichen Sülly, der doch in» wirklichen leben an den oft sehr naiven Ton seine« großen Monarchen Heinrichs lV. gewöhnt war, ist der Styl der Erzählung und der Reflexionen schon «ngefähr derselbe, den bald nachher die meisten Verfasser französischer Memoires annahmen, wenn sie nur interessant und lehrreich, nicht zugleich pikant und kaustisch schreiben wollten. Sülly, für den der rhetorische Werth seiner Memoires nur Neben, fache war, neigt sich indessen als Schriftsteller auch noch zum alten Chronikenstyl. Daher, nicht aus einem Bestreben, sein Werk anziehender zu machen, ist es gekommen, daß er den König und andere Personen in seinen Memoires noch kleine Reden halten läßt. Nach dem Muster der griechischen und römischen Historiker sind diese Reden durchaus nicht gebildet °>).

Unter Richelieu wurde der Styl der französi, schen Memoires schon ganz modern, so daß «d Nur noch die lehte Cultur erwartete, die ihm in den ersten Decennien der Regierung ludwigs XIV. zu Theil werden sollte.

3- Die

m) Wem daran gelegen ist, den großen Staatsmlnister Sülly als Schriftsteller ganz kennen zu lernen, der wende sich ja nicht an die modernissrte und auch in an« derer Hinsicht umgearbeitete große Quartausgabe oer Memoire« äe 8ul!/, I^onäon, 1745. Es giebt echte Ausgaben von 1Ü63 bis l?78.'

Vo«»l»«t'» Gesch. d. schön. Redek. V, V. U

3. Die didaktische Prost der Franzosen konnte aus leicht zu entdeckenden Gründen lange Zeit mit der historischen nicht Schritt halten. Noch unter den Regierungen Franz I. und seiner Nachfolger bis auf Heinrich lV. fehlte es der Nation zu sehr an der Art von intellektueller Bildung, dt« auf wissenschaftliche Verknüpfung der Begriffe ohne Pedantismus gerichtet ist. Das vorzügliche Talent des französischen Geistes zu psychologischen Reste« rionen tonnte sich nur durch einzelne Gedanken äußern; und diese Gedanken verloren sich entweder in zufälligen Unterhaltungen, oder sie gingen in die MemoireS, Satyren, Episteln und dergleichen Sckriften über. Wer aber gelehrt, oder ein Philosoph seyn wollte, glaubte noch die lateinische Sprache zum Ausdrucke seiner Gedanken der französischen vorziehen zu müssen. Die scholastische Uni» versität zu Paris und die neuen philologischen tehrs anstalten in Frankreich mochten übrigens einander noch so kräftig entgegenwirken; die didaktische Cul, lur der französischen Sprache gewann dabei nur wenig.

Um so merkwürdiger sind in der französischen tltteratur des sechzehnten Jahrhunderts auch in rhetorischer Hinsicht, wie in philosophischer, die Schrift ten (Lllaiz) des geistreichen Michel de Mon« tagne, oder, nach der alten Orthographie, Montaigne. Wenn man bedenkt, daß dieser eben so feine, als selbstständige Kopf vom Jahre 1533 bis ,592, also zu einer Zeit lebte, da er seine Art, in seiner Muttersprache zu Philosophiren, von kei< nem Vorgänger lernen konnte; so bewundert man ihn um so mehr. Aber von der Originalität des

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